| Interview mit Fynn Steiner, Texter und Sänger der Schmutzigen Schönheit der Natur |
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Freitag, 14. Mai 2010
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![]() Die Schmutzige Schönheit der Natur "Es ist schwer, keinen Erfolg zu haben und damit Erfolg zu haben“, heißt es in Sozialist, der aktuellen Videoauskopplung von der 7“-Vinyl Für immer Oktober, die im Mai 2010 bei Spitzgefuehl erscheint. „Sicher, wir manövrieren uns in ein enklavisches Abseits.“ überlegt Fynn Steiner, Sänger der Band, den wir für das Interview im angenehm schlichten China-Restaurant „Golden City“ treffen. „Aber was haben wir zu verlieren,“ lächelt er, „wir kommen aus Harburg.“ Die Schmutzige Schönheit der Natur ist eine Band aus dem Süden Hamburgs, die ganz in der Tradition mittlerweile großer Hamburger Bands wie Tocotronic, Blumfeld oder Die Sterne steht. „Wir sind ja damit aufgewachsen,“ erzählt Steiner, „zum Frühstück Brüllen, zum Mittagessen „Ich-Maschine“ und abends mit „Bis neun bist du ok“ einschlafen.“ Der nachdenkliche junge Mann trinkt einen Schluck Carlsberg und ergänzt: „Der Begriff Hamburger Schule ist ja eigentlich großer Quatsch, aber für uns war das tatsächlich eine Schule. Da ging es dann darum, Zusammenhänge zu verstehen und für mich auch immer um die Frage: Wie kann ich mich auf Deutsch ausdrücken?“ Tatsächlich hört man aus den Texten der Schmutzigen Schönheit, die alle Fynn Steiner schreibt, ein scharfes Auge und ein extraordinäres Ausdrucksvermögen heraus. Auf einer Collage aus schlichtem Post Punk, der an die frühen The Fall, die Swell Maps oder Sonic Youth erinnert, erzählt er von Ich-Findung, der Raffinesse bedrückender Langeweile, sexueller Verwirrung und von dem Willen nach Veränderung. „Es wär ja auch das Letzte zu akzeptieren wer man ist und Zustandsbeschreibungen abzuliefern. Nein, bei uns liefern wir textlich und musikalisch die Kampfansage an den Konsens mit nach Hause.“ Genau das macht die Schmutzige Schönheit der Natur 2010, wo Tocotronic saturiert vor sich hin oszillieren und eine Deichkind-Diktatur des elektronischen Nonsens tonangebend ist, zu einer besonderen Band. Nonchalant verweigert sich die Band musikalischer Kunstfertigkeit und Partytexten ohne Format. Stattdessen plädieren sie, wie auf der ersten EP der Band Extended Play für eine Befreiung der Sprache von Schubladenwörtern und degenerierter Autoritätshörigkeit. „Ich sag wir sind Punk/“ textet Steiner, „du meinst nö/ ich finde mich hässlich/ du sagst wir sind schön/wir sind auf Tour/ ich steh still/ du sagst, dass keiner das braucht/ ich sag, dass ich es will /(…)“ Und dann liefert er im Refrain das betörende Credo: „St. CIA/ Bist du dabei? Du musst dich von Eindeutigkeiten befreien!“ „Ja, kann man schon sagen, dass das ein Loblied auf die gelebte Zweideutigkeit ist,“ bestätigt der Sänger nickend. „Wirklichkeit auf ein reflektiertes Niveau zu bringen ist schon ein Kunststück. Überhaupt zu erkennen, wie überflüssig Eindeutigkeit ist, halte ich für eine Herausforderung. Denn das wird einem ja immer vorgehalten: Du musst in deinen Entscheidungen klar sein. Jeder Zweifel ist ein Fehler, halte ich für eine dreiste Lüge, der wir uns meist zu Unrecht beugen. Zum Glück ist die Realität viel cleverer als wir selbst.“ Und zum Glück ist die Schmutzige Schönheit, benannt nach einem taz-Artikel über die Natur-Künstlerin Lili Fischer, schlauer als die meisten der selbstgefälligen Hamburger Schule Epigonen, deren romantische Liebe für sich und alles Andere man heutzutage gut finden soll. Und wo die Band auch nicht weiter weiß, da erfindet sie in Studio Braun-Manier groteske LSD-Visionen einer neuen Welt, wie bei Sigmar Gabriel, ebenfalls zu hören auf der aktuellen 7“ Für immer Oktober. „Sigmar Gabriel, du Herzog auf LSD/ die Idylle ist am Abgrund, aber du kennst den Weg“, textete Steiner zu einer Zeit, als Gabriel noch als Umweltminister Berge bestieg. „Passt aber heute noch besser ins Bild, glaub ich. Das ist ja angeblich das Merkmal guter Texte. Zeitlose Klasse!“ bemerkt der junge Künstler ironisch und trinkt den letzten Schluck Carlsberg.Klasse mag man der Band gern attestieren, die unlängst mit ihrer Hommage an Damien Hirst Aufsehen in der Youtube-Landschaft erregte. „Eigentlich wollten wir Damien Hörst für 10.000 Pfund an Hirst selber verkaufen.“ erzählt Steiner. „Der hätte das dann auf seiner Beerdigung zur Uraufführung bringen lassen können.“ Das von Jorge Wittersheim gedrehte Musikvideo zu der Hymne für den britischen Künstler ist jedenfalls selbst ein kleines Kunstwerk und lässt in seiner Schwarzweiß-Ästhetik eben die Grenzen verschwimmen, deren Auflösung Steiner in seinem Text beschwört. „Was du siehst sind keine Grenzen,“ singt er, „das sind lose Enden.“ Steiner, selber auch als Maler (Pudel ART Basel) und Schriftsteller (z.B. mit der Kurzgeschichte Eine Armlänge vorn im letzten Supra Magazin) aktiv, plädiert für einen weiten Kunstbegriff im Sinne Andy Warhols. „Das, was du machst ist Kunst. Und es gehört zusammen. Ich spiel' mit Vorliebe in Galerien. Richtige Mucker sind wir eh nicht und ich hab gern gute Bilder um mich herum.“ ![]() Die Schmutzige Schönheit der Natur live Wenn es der Schmutzigen Schönheit weiter gelingt, schnörkellosen Postpunk und Songtexte der Extraklasse abzuliefern, dürfte das nur noch eine Frage der Zeit sein. Und vielleicht stehen sie dann ja auch bald mit Tobias Levin im Studio und nehmen in Alfred Hilsbergs Auftrag ein Album auf. Einen Arbeitstitel gibt es jedenfalls schon „Too big to fail“. Die Schmutzige Schönheit der Natur sind: Fynn Steiner, Tilo Klappenbach, Tim Salomon, Ingo Behrendt und Benjamin Kuhn. Das Interview führten Julia Degenhart und Maximilian Höster.
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„Ja, kann man schon sagen, dass das ein Loblied auf die gelebte Zweideutigkeit ist,“ bestätigt der Sänger nickend. „Wirklichkeit auf ein reflektiertes Niveau zu bringen ist schon ein Kunststück. Überhaupt zu erkennen, wie überflüssig Eindeutigkeit ist, halte ich für eine Herausforderung. Denn das wird einem ja immer vorgehalten: Du musst in deinen Entscheidungen klar sein. Jeder Zweifel ist ein Fehler, halte ich für eine dreiste Lüge, der wir uns meist zu Unrecht beugen. Zum Glück ist die Realität viel cleverer als wir selbst.“ Und zum Glück ist die Schmutzige Schönheit, benannt nach einem taz-Artikel über die Natur-Künstlerin Lili Fischer, schlauer als die meisten der selbstgefälligen Hamburger Schule Epigonen, deren romantische Liebe für sich und alles Andere man heutzutage gut finden soll. Und wo die Band auch nicht weiter weiß, da erfindet sie in Studio Braun-Manier groteske LSD-Visionen einer neuen Welt, wie bei Sigmar Gabriel, ebenfalls zu hören auf der aktuellen 7“ Für immer Oktober. „Sigmar Gabriel, du Herzog auf LSD/ die Idylle ist am Abgrund, aber du kennst den Weg“, textete Steiner zu einer Zeit, als Gabriel noch als Umweltminister Berge bestieg. „Passt aber heute noch besser ins Bild, glaub ich. Das ist ja angeblich das Merkmal guter Texte. Zeitlose Klasse!“ bemerkt der junge Künstler ironisch und trinkt den letzten Schluck Carlsberg.




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