Trude träumt von Afrika
Lübeck ist eben nicht Paris

Gerda VorkampVon

Juchhu! Die Truden waren da! Und wurden mit Standing Ovations im Kolosseum verabschiedet. Für immer? Daran wollen wir mal lieber noch nicht glauben. Denn diese Auftritte können ein wenig süchtig machen.

Wohl denen, die hinterher nicht allein durch die kalte Nacht nach Hause radeln müssen! Nach zweieinhalb Stunden Lachmuskeltraining in Kombination mit musikalischem Genuss grenzt das an ein Schockerlebnis, das in meinem Fall daheim nur mäßig mit wieder aufgeheiztem Glühpunsch vom Vortag bekämpft werden kann.

Percussioncomedy, also Trommelkomik, was soll das sein? Das lässt sich nur schwer beschreiben, aber es ist einmalig. Wer es noch nicht erlebt hat, kann kaum erahnen, wer oder was da gleich auf die u. a. mit Wischmopps [sic! – nur der Hund schreibt sich noch mit einem „p“!] und Gießkannen bestückte Bühne kommt. Voilà: fünf seltsam spaßig, spießig verschroben und wie aus der Zeit gefallen wirkende Frauen, bei deren Anblick die Vorstellung zunächst schwerfällt, dass hier gleich ernsthaft, wenn auch keineswegs ernste Musik gemacht werden soll – scheinen sie in ihrem Outfit doch eher in die bevorstehende Karnevalszeit zu passen. Spätestens nach der ersten Nummer ist jedoch klar: Hier sind tatsächlich echte Könnerinnen am (Schlag-)Werk. Aber das ist nur der eine Teil der Show. Der andere besteht aus der unnachahmlichen eigenen Programm-Moderation, bei der ein Gag den nächsten jagt, aber alles trocken und sutsche, die Damen sind schließlich nicht mehr die jüngsten.

Foto: Hilde KlöcknerFoto: Hilde Klöckner

Wie kommt es bloß, dass diese Kalauer, die da nur so von der Bühne kollern, selbst nach mehrmaligem Hören und Sehen immer noch komisch wirken? Wer ist auf diese grandiose Idee gekommen, fünf hochkarätige Musikerinnen in so trutschige und bis ins Detail ausgefeilte Rollen zu stecken, ohne dass sich die musikalische Leistung dahinter verstecken würde oder gar leidet? Wie lassen sich diese Kunstfiguren so dermaßen verinnerlichen, dass die eigentlichen Personen völlig zu verschwinden scheinen, selbst bei heftigstem Trommelwirbel und höchster Konzentration aufs gemeinsame Musizieren? Fragen über Fragen an die Truden, abgesehen von den angeblich häufigsten, wie beispielsweise: „Und was machen Sie beruflich?“ – oder: „Wie viele von Ihnen sind Männer?“ – getoppt von Frage Nr. 1: „Sind Sie alle Männer?“

Ganz am Ende nach der zweiten Zugabe geht die Nennung der wahren Namen dieser unzweifelhaften Damen im begeisterten Applaus unter. Agathe, Cäcilie, Erna, Yvonne (hinten gesprochen wie „Wonne“) und Mathilde – so sind sie uns vertraut, mehr wollen wir gar nicht wissen. Jede eine Type für sich, und was für eine! Jeweils mit Handtäschchen und Hütchen ausgestattet, aber jede sehr individuell:

Agathe, die kleine Naive mit liebenswertem Silberblick, quirlig, übermütig, öfter selbstvergessen im rhythmischen Drive, insbesondere in ihren virtuosen Soli, und von gleichbleibender, strahlender Fröhlichkeit, sofern ihr die „Y-Wonne“ nicht den Platz in der ersten Reihe streitig macht. Heute Abend gleich mehrfach zu bewundern (das Publikum hat schon drauf gewartet), wie sie sich in mühseliger Choreographie, aber letztlich immer erfolgreich, in die Bänder einfädelt, die ihre Trommel an Schultern und zwischen den Knien halten (Kommentare der andern Truden: „Seien Sie froh, dass Sie das nicht von hinten sehen müssen!“ „Wisst ihr noch, wie sie einmal drei Wochen lang vertüdert war?“). Sie möchte nach dem Leben als Trude Löwenbändigerin werden und übt schon mal an einer Herde Schafe.

Cäcilie, irgendwie an die Queen in etwas jüngeren Jahren erinnernd, die nicht müde wird, ihre musikalischen Anfänge als Blockflöte zu betonen, zu der sie demnächst als Solistin in der Elbphilharmonie zurückzukehren gedenkt (als denn klar wird, dass die Idee der Gymnastik beim und durch den Haus-Putz mit Hilfe o. g. Wischmopps auf Dauer doch zu strapaziös werden könnte). Eine Kostprobe dieser vergangenen wie künftigen Glanzzeiten bleibt uns glücklicherweise nicht erspart: Bachs Badinerie mit Sopranflöte und untermalendem Gepiepe auf allen möglichen Tröten, gerne mal mit gewollter Verzögerung an allzu flotten Stellen, jetzt aber durchgehend à tempo, geht doch!

Foto: Hilde KlöcknerFoto: Hilde Klöckner

Erna, die modebewussteste der Truden, heute im seidigen hellen Glanz mit bunten Schleifen allüberall, deren Würdigung ihr in diesem Ambiente etwas zu kurz kommt, aber „Lübeck ist eben nicht Paris“. Immer auf Etikette und Hamburger Noblesse bedacht, ß-tolpert sie ß-tets vornehm und mit leicht pikiert hochgezogenen Schultern über jeden ß-pitzen ß-tein und ß-part dabei im sanften Tonfall mit keiner bissigen Bemerkung („ß-tatt so viel beim Arzt herumzulungern, könntest du lieber mal zum Frisör gehen!“). Erna fühlt sich bemüßigt, gegen Ende doch noch einmal ausdrücklich zu betonen, dass die Truden nicht afrikanischer Abß-tammung sind, damit das Publikum die Leistung doch viel besser zu würdigen weiß.

Yvonne, das adrette Küken der Truppe, das manchmal unterm Rouge noch ein wenig zu erröten scheint, bisweilen brav knickst und zu aller Erstaunen demnächst ein Nagelstudio betreiben möchte, wo sich ihr handwerkliches Geschick doch bereits beim Tellerwaschen als nicht gerade herausragend erwiesen haben soll (damals in Houston, Texas ... eine von vielen langen Truden-Geschichten). Diese Information ist jedoch kaum in Einklang zu bringen mit ihrem, den andern vollkommen ebenbürtigen, kraftvollen Trommeltalent, das ebenfalls kein Solo zu scheuen braucht.

Foto: Hilde KlöcknerFoto: Hilde Klöckner

Mathilde, die als einziges Ensemble- (gesprochen „Anksambel“-)Mitglied „nicht vonner Blockflöte abstammt, sondern vonne Heilsarmee“, noch immer so aussieht und sich mit ihrem herben Charme und einer gewissen Körpergröße wie -fülle von den andern abhebt und damit immer wieder Anlass zu Spötteleien liefert, gegen die sie sich vehement in den Vordergrund trommelt und bisweilen mit seitlichen Ausfällen ihrer Percussion-Utensilien zur Wehr setzt. Heute auch zweimal singend an der Gitarre zu erleben (mit der Aufschrift „Jesus lebt“).

Von diesen fünf illustren Persönlichkeiten sollen wir nun nach 25 Jahren Abschied nehmen? Ach, bitte nicht! Aber die Truden betonen, dass es irgendwann mal genug ist und sie so weite Reisen wie nach Lübeck nicht mehr machen werden. Dann lassen sie, etwas wehmütig, ihre bisherige, lange Konzerttätigkeit ein vielleicht letztes Mal Revue passieren. Sie nehmen uns dabei in ihren Berichten und Darbietungen der jeweiligen musikalischen Highlights mit auf ihre unterschiedlichsten Touren, bis hin zur Tombola in Wilhelmshaven, wo Mathilde den ersten Preis erhielt: das „Rundum-Matjes-Sorglos-Paket für 14 Tage“ („Hat das gestunken im Auto!“).

Foto: Hilde KlöcknerFoto: Hilde KlöcknerDie musikalische Spannbreite ist ziemlich groß und korrespondiert mit den oft unfreiwilligen Zielen ihrer Ausflüge: Aus dem Erzgebirge wird die Kultur der geschnitzten, sich drehenden Pyramiden täuschend echt und in Lebensgröße imitiert, wobei Mathilde, auf großem Kochtopf (der Heilsarmee) balancierend, das Zentrum bildet (man muss es gesehen haben, sonst glaubt man’s nicht!). Aus heimischen Gefilden sind die reinsten Gassenhauer zu hören, selbstverständlich auch mehrstimmig gesungen, die Truden sind vielfältigst begabt.

Aus Afrika stammen natürlich (aber auch nicht unbedingt original und authentisch, wie wir erfahren, „nö!“) die meisten der mitreißenden, wirbelnden und so exakt aufeinander eingespielten Trommelstücke, oft mit zumindest afrikanisch klingenden, kraftvollen Gesängen einhergehend. Aus Amerika ist sogar ein schmissiger, patriotischer Yankee-Doodle zu hören (Agathe am Waschbrett hebt fast ab), der so gut beim Publikum ankommt, dass Mathilde vermutet, es sei bereits die erste Flüchtlingswelle aus den USA in Lübeck eingetroffen. Aus himmlischen Fernen bringen die Truden hingegen fast schon ätherische Klänge mit, denn, oh Schreck, sie landeten einst aus Versehen im „outer space“ (gesprochen „auta schpeeß“). An dieser Stelle wird das Licht gedämpft und die Bühne show-wirksam bedampft – kein Genuss in der ersten Reihe, aber vielleicht ein guter Preis dafür, dass von hier aus jegliche Mimik, die allein schon zum Lachen reizt, bestens zu beobachten ist. Sie kann in den hinteren Reihen im Kolosseum leider nur untergehen, sofern kein Opernglas zur Hand ist.

Foto: Hilde KlöcknerFoto: Hilde Klöckner

Dass selbst Miniatur-Instrumente, Kochtöpfe, Keksdosen sowie umgedrehte Gießkannen betrommelt werden können und dabei noch richtig gute Musik entsteht, wird ebenso überzeugend demonstriert wie A-cappella-Gesang oder die sog. Mundtrommeln, nicht zu verwechseln mit Maultrommeln. Hier ist die reine Rhythmus-Erzeugung per Mundwerkzeug ganz ohne Instrumente gemeint (abgesehen von den Mikrofonen). Last not least sei die „original gekowerte“ Version einer abgenudelten Schallplatte erwähnt, bei welcher selbst jeder Kratzer, jedes Knacken und vor allem jedes Hängenbleiben in den Rillen inklusive des viel zu langsamen wie mickey-mouse-artigen, zu schnellen Abspielens täuschend echt imitiert wird. Erst dann kann Agathe in den Kindheitserinnerungen an ihr Lieblingsstück so richtig schwelgen.

Und wir schwelgen mit, hin- und hergerissen zwischen einem tollen Trommelerlebnis und ausgelassener, sehr ß-pe-zi-eller Komik. Bekanntlich ist nichts so schwer, wie gewollt komisch zu sein. Die Truden können es. Sie sind einfach umwerfend. Selbst einige Zeitgenossen und -innen, die anfangs noch etwas skeptisch zu gucken schienen, sind inzwischen völlig aufgetaut und gehen mit und möchten die Truden ohne Zugaben wirklich nicht von der Bühne lassen. Nach der zweiten treten die Damen ab durch die Mitte im Publikum und stehen im Foyer dem Fußvolk noch zur Verfügung. Wer weiß, vielleicht gibt’s ja doch dereinst noch eine Revival-Tour, mit altersgemäßer Gehstock-Choreographie anstelle der Wischmopps ... Es wäre zu schön!

Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika Trude träumt von Afrika - TRUDE TRÄUMT VON AFRIKA auf Abschiedstour: Spontane Abschiedsgeschenke aus dem Publikum - Hoffen wir dennoch auf ein Wiedersehen!

Fotos: (c) Hilde Klöckner

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.
Weitere Artikel

Kommentare  

# Die TrudenClaudiaNolting (14.02.2017, 08:59)
Danke für diesen treffenden, bild-und klanghaften Text und die schönen Fotos!!!
Antworten

Kommentar schreiben

Unsere Kommentare werden moderiert!
Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.


Sicherheitscode
Aktualisieren